Ökonomen nehmen Übergewicht der US-Amerikaner in Angriff
Fortschritt in der Lebensmittelproduktion ist aller Laster Anfang
05.02. Das massive Übergewicht der US-Bevölkerung lässt nicht nur Gesundheitsexperten verzweifeln, es ruft auch Ökonomen auf den Plan. David Cutler, Edward Glaeser und Jesse Shapiro vom Institute of Economic Research der Harvard University haben eine neue Anwort auf die Frage, warum US-Amerikaner immer dicker werden, gefunden: Es ist der technologische Fortschritt in der Lebensmittelindustrie.

Der technologische Fortschritt hat die Nahrung abwechslungsreicher und zweckdienlicher gemacht, d.h., die Handhabung von Produkten wird für den Konsumenten bequemer, heißt es in der Argumentation. Die klägliche Willensstärke der amerikanischen Bevölkerung konnte, so die Autoren, dieser Herausforderung nicht standhalten. Schätzungen zufolge sind beinahe ein Drittel der Amerikaner fettleibig. Die USA sind damit ein Sonderfall. Denn dieser Wert übertrifft selbst das "pummeligste" Vergleichsland um 50 Prozent. Auf die Frage, warum dies so ist, torpediert die Untersuchung "Why have Americans become more obese" die meisten gängigen Theorien. Theorien, wie Mahlzeiten-Portionen werden größer und Amerikaner sind unsportliche Couchpotatoes, wollen die Autoren nicht gelten lassen. Tatsächlich würden sich mehr als je zuvor sportlich betätigen und könnten so die zunehmend sitzenden Tätigkeiten kompensieren.

Tatsächlich sei die Arbeitsteilung der wahre Sündenbock. Mitte der 60er Jahre verbrachte eine US-Hausfrau mindestens zwei Stunden täglich in der Küche. Heute nur mehr eine Stunde. Inzwischen haben Lebensmittelbetriebe die Produktentwicklung vorangetrieben. Industriell gefertigte Produkte schmecken besser, sind billiger, abwechslungsreicher und konsumentenfreundlicher (so genannte Convenience-Produkte) geworden. Die Autoren nennen das Beispiel Kartoffel. Mussten diese früher im Zuge der Zubereitung gewaschen, geschält und gekocht werden, konsumieren die meisten Amerikaner nun einfach Pommes frittes. Die gesteigerte "Convenience" hat auch die Frequenz der Nahrungsaufnahme erhöht: Das Motto lautet kleinere aber immer häufiger deftige Snacks statt regelmäßigem Essen. Begünstigt wird dieser Umstand dadurch, dass die Produkte durch den Fortschritt in der Lebensmittelproduktion immer billiger werden.

Die von den Autoren aufgestellten Schlussfolgerungen sind eigenen Angaben zufolge nicht bahnbrechend, aber aufschlussreich für Entscheidungsträger. Es sollten zum einen nicht immer große Fast-Food-Ketten zum Sündenbock der zügellosen Nahrungsmittelaufnahme gemacht werden. Zum anderen untergräbt ihre Untersuchung ein Argument der Wirtschaft, wonach eine Steigerung der Convenience einen eindeutigen Vorteil für die Gesellschaft hat. Dass die US-Bevölkerung jährlich rund 50 Mrd. Dollar in den Kampf gegen das Übergewicht investiert, zeige wohl eher, dass man mit dem Status quo nicht gerade glücklich ist.


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